Locker vom Hocker: Da tauchen sie wieder auf.

Liebe Küstenleser!
Und plötzlich tauchen in Swakopmund aus den Fluten des Atlantik unweit der Betonpfeiler der alten Eisenbahnbrücke vor der Tiger Reef Bar alte Eisenbahnschienen aus dem Jahre 1915 auf, die Meer und Sand verschluckt hatten. Da werde ich doch glattweg an Argentiniens Atlantis erinnert. Der Kurort Villa Epecuén war 1985 vom Wasser überschwemmt worden , als der See Lago Epecuén nach heftigen Regenfällen über die Ufer trat und die Stadt verschlang. Erst seit 24 Jahren gibt der See den Kurort langsam wieder frei. Seit 2009 zieht sich das Wasser dort pöh-a-pöh zurück. Straßenzug um Straßenzug taucht wieder auf, und als Tourist darf man heute die Ruinen der einst florierenden Stadt bewundern.

 

 

 

Relikt aus dem Jahre 1915: die Eisenbahn-schiene an der Swakopmündung vor den alten Betonpfeilern der 1928 erbauten Eisenbahnbrücke.

Foto: Nadia Pay

 

 

 

 

 

Wenn aber Namib und Atlantik nach über hundert Jahren ein Relikt des ehemaligen Transportwesens wieder freigibt, dann ist das nochmal eine ganz andere Ekstase.
Die verschüttete Bahnlinie an der Swakopmündung wurde nämlich unter unsagbar schwierigen Umständen errichtet. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges fand der Verkehr zwischen Wal-ischbai und Swakopmund nur mittels gelegentlicher Maultierkarrenverbindung oder zu Pferde am Strand entlang statt. Als am 25. Dezember 1914 die südafrikanischen Unionstruppen in Walfischbai landeten und für den Aufmarsch von vier Kriegsschiffen und neun Transportern große Mengen Kriegsmaterial aller Art löschten, musste man schnell einen Plan machen. In aller Eile wurde vom Witwatersrand Rifle Regiment eine Bahnlinie in Kapspur (Eisenbahngleis mit einer schmalen Spurweite von 42 englischen Zoll bzw. 1067 Millimetern) in Küstennähe gebaut, die bereits in wenigen Wochen, nämlich am 11. Februar fertiggestellt war. Man stelle sich das vor: Mit primitivsten Mitteln wurde innerhalb kürzester Zeit ein effektives Eisenbahngleis in den Wüstensand gesetzt. Nicht nur das! Vier Tage nach der Fertigstellung und der Ankunft der ersten Eisenbahn in Swakopmund zerstörten die Fluten des Swakop 244 Meter der mühsam aufgebauten Bahnspur, die keine zwei Tage später wieder komplett repariert war. Was sind wir heute – trotz der Vorteile der Technologie – für Memmen dagegen!
Durch das gelegentliche starke Abkommen des Swakops drohte jedoch jedesmal der Verkehr ins Inland zum Erliegen zu kommen. So wurde 1925 mit dem Bau einer großen, etwa 330 m langen Eisenbahnbrücke begonnen, die im April 1926 dem Verkehr übergeben wurde. Da die mächtigen Betonpfeiler aber nicht auf dem untergrundigen Fels aufgesetzt waren, versanken diese bei der starken Flut des Swakops im Jahre 1931 im Sand. Diese Brückenpfeiler sind es, die wir noch heute zum Teil an der Swakopmündung bewundern können. Jetzt ist ein weiteres Überbleibsel aus der Geschichte zu bestaunen.
Ihre Susann Kinghorn

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