Locker vom Hocker: Den Wolken nachreisen!

Liebe Küstenleser!
Als vermiefter, vernebelter, nach Seetang riechender Kormoran reise ich tatsächlich jeden Monat der großen Regenzeit für ein verlängertes Wochenende den Wolken nach, seitdem ich mir vor ein paar Jahren vorgenommen habe, meinen Algengeruch unter Petrus’ Dusche reinzuwaschen. Die Reise ins Inland-SPA geschieht ohne GPS, ohne Wettervorhersage aus dem Internet, ohne gutgemeinte Ratschläge… aber mit Augen, die den Himmel absuchen, einem Tastsinn, der die Windrichtung ,,befühlt” und – zugegeben – mit meinem Smartphone, womit ich hin und wieder Freunde in irgendeiner Ortschaft anrufe, wenn ich mir unsicher bin, ob der Regen es bis dorthin geschafft hat.

 

 

Friedhelm von Seydlitz junior hält auf Immenhof, der Farm seines Großvaters Friedhelm und seines Vaters Werner, zwei strotzend gesunde Omajova in der Hand.
Fotos: Susann Kinghorn

 

 

 

 

 

 

Bisher hatte ich jedesmal Glück. Im Januar erlebte ich ein nasses Namibia im Maisdreieck Otavi, Tsumeb und Grootfontein, das der Schweiz in seinem idyllisch-saftigen Grün hätte Konkurrenz machen können.
Im Februar durfte ich während meiner Spaziergänge auf der Gästefarm Immenhof zwischen Omaruru und Otjiwarongo vom Regen durchtränkt das frische Veld bzw das beste Parfüm der Welt in die Nase ziehen, delikate Omajova aus der fruchtig-roten Erde des Termitenhügels verspeisen und pralle Tausendfüßer beobachten, die am tiefgrünen Gras knusperten.

 

 

Die Shongololos (Zuluwort für Tausendfü-ßer) gehören zur namibischen Regenzeit, wie die frische Luft zum Atmen und der Fußball ins Tor.

 

 

 

 

 

 

 

Zu guter Letzt trieb es mich als wiedermals leicht angeschimmelte Nebelkrähe am vergangenen Unabhängigkeitswochenende in westliche Richtung zu den Kumuluswolken. Mein Gott, wann habe ich zuletzt solch einen erfrischenden Wolkenbruch wie den zwischen Usakos und Karibib erlebt. Das kostbare Nass prasselte von allen Seiten gegen das Auto, und in null Komma nix strömten neben der Pad kleine Rinnsale.
Beim traumhaften Blick auf den vom Regen verschleierten Nubebberg südlich von Usakos, dem glänzenden Veld und dem glitzernden Gestein schoss wie aus heiterem Himmel ein Gedanke durch meinen Kopf: ,,DAS werde ich vermissen, wenn ich tot bin!” Hinterher musste ich grinsend den Verstand einsetzen: ,,Wenn du tot bist, meine Liebe, dann kannst du dich nicht mehr nach etwas sehnen.”

 

 

Wolkenbruch zwischen Usakos und Karibib.

 

 

 

 

 

 

Wie dem auch sei: Gibt es etwas Schöneres als die Regenzeit in Namibia? Wenn die ausgedörrte Erde sich mit dem lebensnotwendigen Nass vollsaugt und das dürstende Getier sich satttrinken kann? Wenn die Luft reingewaschen ist vom Dreck und man tief durchatmen kann? Wenn das Silbergras am Straßenrand sich wellenartig-schimmernd vom Winde streicheln lässt?
Ihre regendurchtränkte Susann Kinghorn

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