Locker vom Hocker: Labyrinth des Lebens

Liebe Küstenleser!
Obwohl wir hier an der Küste zur Zeit wrachtach nicht übers Wetter moanen dürfen, habe ich mich neulich doch mal wieder ins trockene Inland aufgemacht. Das braucht eine klamme, leicht angeschimmelte Atlantik-Nebelkrähe wie unsereins hin und wieder, damit die Sonne das kondensierte Wasser aus dem Knochenmark ziehen kann, sodass man nicht gänzlich verrottet.
Jedenfalls landete ich auf einem Fleckchen Namibia-Erde etwa 35 km südwestlich von Karibib entfernt, das sich Etusis nennt. Auf dieser Gästefarm am Saum der imposanten Otjipateraberge entdeckte ich auf einer Wanderung ein Labyrinth aus Kalksteinen, dessen Form durch Zebras und anderes Getier leicht auseinandergetreten war.
Welch ein geradezu zwanghaft-freudiges Unternehmen, dieses älteste Symbol der Menschheit wieder in Form zu bringen, es anschließend mit großer Zufriedenheit seelenruhig abzulaufen, um zur Mitte zu gelangen. etusis

 

 

Ein Labyrinth aus natürlichen Kalksteinen mit atemberaubendem Blick auf einen Teil der Otjipatera-Bergkette auf der Etusis Lodge.

Foto: Susann Kinghorn

 

 

 

Was definiert ein symbolisches Labyrinth? Eigentlich bedeutet Labyrinth ja Unordnung, Durcheinander, Gewirr. Das heißt, man weiss nicht, wo es lang geht. Im Gegensatz zu diesem Irrgarten gibt es beim symbolischen Labyrinth nur einen einzigen Weg in einem übersichtlichen Innenraum. Dieser wechselt ständig die Richtung, kreuzt sich nie und mündet im Zentrum. In der Mitte muss man umkehren und auf dem selben Weg wieder zurückkehren.

Jemand hat mir mal vor langer Zeit erzählt, dass solch ein Labyrinth zum Meditieren einlädt, und das kann ich nur bestätigen. Vor vielen Jahren forderte ein Labyrinth im St. Francis Health Centre im Ostkap mich zum ersten Mal zum tiefen Nachdenken auf. Und dann hat mich jetzt jenes auf der Etusis-Lodge wieder wie selbstverständlich zur Einkehr gezwungen.
Für mich ist solch ein Labyrinth eine Metapher des Lebens, durch das wir schreiten. Es lädt dazu ein, sich auf den Weg zu machen und sich seines wichtigsten Zieles in dieser kurzen Zeitspanne, die uns auf Erden gegeben ist, bewusst zu werden bzw. dieses Ziel klarer vor Augen zu sehen. Wenn man ein strukturiertes Labyrinth betritt, hat man zwar bereits mehr oder weniger ein Ziel im Kopf, aber es ist noch milchig, wie oftmals unser Küstenwetter, intransparent und unausgegoren. Kommt man in der Mitte an, sollte das Ziel deutlich und ohne jegliche Trübung sein. Ich habe auf dem Kalkstein im Zentrum des Etusis-Labyrinths, umringt von alten, faltigen Bergen und unserer einzigartigen Namibia-Natur, glasklar mein Leben vor mir gesehen, mit all seinen Erfahrungen. Lügen, Niederlagen, Gewissheiten und Gewinnen, seinem Schmerz, Leid und seiner Freude, seinen Herausforderungen, Abwegen und Zielen.
Auf dem Weg zum Ziel gibt es keine Abkürzung. Nichts kann ausgelassen und nichts übersprungen werden, keine gute oder weniger gute Erfahrung, keine Begegnung, kein Tag und kein Schritt.
Der Weg von der Mitte zurück zum Eingang dient dann noch einmal dazu, das Lebensziel zu festigen.
Jesslaik, das klingt alles nogalls abgehoben und biekie mall. Ich kann Ihnen aber versichern, liebe Leser, diese Meditation im Labyrinth ist wrachtach mehr ,down to earth’ als sie klingt.
Das jedenfalls meint Ihre Susann Kinghorn

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