Locker vom Hocker: Leben hinter Mauern – von Susann Kinghorn

Liebe Leser!

Neulich lief ich mal wieder von unserem Haus in Kramersdorf aus durch die Riverside Avenue zur Lions-Seniorenresidenz, um bei meiner Mutter einen Tee zu trinken. Das war an einem Samstag so gegen 8 Uhr morgens, und mir fiel erneut auf, wie wir uns hinter Zementfassaden verkrochen haben. Von der Ecke, wo die Riverside Avenue sich mit der Aukasstraße kreuzt, bis zu der Stelle am Totenacker, wo sie wiederum auf die Nonidasstraße trifft, war keine einzige Menschenseele zu sehen. Dafür blieb der Blick an hohen Gartenmauern, einige oben mit surrenden Elektrozäunen ,,verziert”, oder den Wänden der meist doppelstöckigen Häuser hängen. Die gesamte Straße wirkte wie tot und passte so richtig zu dem Flair des nahe gelegenen Friedhofs. Genauso wenig wie es mir gelang, dort einem Mitmenschen zu begegnen, hatte die Sonne wiederum ihre Schwierigkeiten, sich zwischen dem vielen Beton durchzuzwängen.
Kaum hatte ich die Friedhofsatmosphäre hinter mir gelassen und war beim Lions-Village angelangt, sah ich einen outoppie, der fröhlich seine Blümchen im Garten bewässerte. Ich war so froh, endlich einem Mitbürger vor seinem Haus zu begegnen, dass ich stehenblieb und ihm ein Kompliment über seinen Garten machte, der tatsächlich prächtig und farbenfroh aussah, zumal man ihn wenigstens SEHEN konnte. Ein paar Häuschen weiter im gleichen Lions-Village musste ich wieder erstaunt stehenbleiben, weil eine Seniorin dabei war, mit ihrem Gartengehilfen einen Strauch umzupflanzen. Auch hier wurden ein paar Worte miteinander gewechselt, sodass ich mich in meine Kindheit versetzt fühlte, wo ein Pläuschchen über den Gartenzaun hinweg gang und gäbe war.
Nun kann man natürlich argumentieren, dass Rentner mehr Zeit haben, um in ihren Gartenbeeten zu kratzen und somit die Außenwelt ein wenig an ihrem Leben teilhaben zu lassen, während die arbeitende Bevölkerung sich verständlicherweise zur Ruhe vor ihren Mitmenschen in ihr Alcatraz zurückgezogen hat.
Was auch immer der Grund sein mag, ich denke, wir können uns hier doch tatsächlich eine Scheibe von den Alten abschneiden, oder?
Also, raus aus den Höhlen, Bunkern und Festungen, liebe Leser, und ran an die frische Luft, das Gärtnern und Palavern mit liebenMitmenschen.

Ihre Susann Kinghorn

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