Locker vom Hocker: Momente, die zum Mörder machen

Liebe Küstenleser!

Kaum zu glauben, aber wahr, der Sommer hat im November endlich den Einzug auch an der Atlantikküste gehalten. Jippie jey, eine strahlende Sonne dringt mit ihrer wohligen Wärme bis in die Meme Erde unserer Namibwüste und lädt zu einem Spaziergang auf nackten Sohlen ein. Schließlich will man den vom feuchten Nebel und der Nässe des Meeres schon halb verschimmelten Leib ein wenig austrocknen und durchwärmen lassen. Quietschvergnügt wird ein Fuß vor den anderen gesetzt und forschen Schrittes im flimmernden Sand versenkt.
Autsch, was ist denn das? Ein stechender Schmerz zuckt durch den ganzen Körper und lässt mich zu Boden sacken. Blut strömt unaufhörlich aus der Wunde, von der ich nur erahne, dass sie tief ist. Im Sand wühlend entdecke ich eine dicke Scherbe mit einer verdammt scharfen Kante und, während mein Blick hilfesuchend die Umgebung abtastet, etwas abseits die zerbrochene Flasche, zu der die Scherbe einmal gehörte. Schnitt klein

 

Irgendeiner der vielen Deppen auf dieser Erde hat seine Whiskeyflasche am Ufer des Swakopriviers achtlos gegen einen Kalkfelsen zerdeppert und die Scherben hinterlassen.

Foto: Susann Kinghorn

 

 

 

Ich kann Ihnen sagen, liebe Leser, das sind Momente, da könnte ich zur Mörderin werden. Eine gedankenlos an einen Stein geworfene Flasche hatte nämlich in diesem Falle zur Folge, dass ich meinen freudig begonnenen Morgenspaziergang aufgeben musste. Ich hinterließ zum Glück nur eine etwa 700 Meter lange Blutspur, als ich mit eingebogenem Fuß nach Hause humpelte und beim Eintauchen in eine mit Dettol und warmem Wasser gefüllten Fußwanne entdeckte, dass es sich um einen extrem tiefen Schnitt handelte, der wohl genäht werden müsste. Da ich jedoch aus einer Generation stamme, wo man dem Arzt nur im Sterbefall einen Besuch abstattet, so man es noch schafft, hieß es: Selbst ist die Doktorin!
Was war ferner die Folge der dummen Tat eines Mitmenschen, den ich umbringen wollte? Eine Woche lang konnte ich bisher keinen Sport mehr treiben, und das macht eine leidenschaftliche Joggerin missmutig. Zur Generalprobe unseres Trio Feminale als Vorbereitung auf die Präsidential-Eröffnungsfeier des Strandhotels musste ich in Pantoffeln auftauchen, weil das die einzigen Schuhe waren, in die ein Fuß mit dickem Verband passte. Zur Festlichkeit selbst quetschte ich mich dann unter Schmerzen doch in die feinen Sandalen.
Was hatte diese eine unüberlegte Handlung der zerbrochenen Flasche weiterhin zur Folge? Na, ich musste natürlich Verbandszeug, Pflaster, Dettol und Bepanthen kaufen. Und all diese Scherereien wegen eines Trottels, der seine Flasche nicht in die Mülltonne werfen kann!
Nun ja, langsam beruhige ich mich wieder, und inzwischen denke ich hier auf meinem Hocker sitzend – allerdings noch immer mit pochender Fußsohle in den Pantoffeln – , dass es eventuell wichtiger gewesen wäre, etwas über die Rede unseres Staatsoberhauptes zur offiziellen Eröffnung des Strandhotels zu schreiben. Andererseits werden die anderen Zeitungen diese großartige Meldung bereits bringen, und außerdem hat sich seine Botschaft bisher nicht grundlegend geändert: Wir sollten die Armut bekämpfen. Ich habe eine Idee, Leute! Jeder, der dabei erwischt wird, dass er seinen Müll illegal irgendwo deponiert, sollte eine dicke Strafe zahlen, die dann in einen Fond für Bedürftige gezahlt wird. Was meinen Sie dazu?

Ihre Susann Kinghorn

You must be logged in to post a comment Login