Locker vom Hocker: Über Kaugummis

Liebe Küstenleser!
Ich weiss nicht, wie Sie zu Kaugummi stehen, aber als Kind bedeutete mir diese scharf oder sauer schmeckende Masse, auf der man stundenlang herumkauen konnte, die Welt. Heute habe ich ein eher negatives Verhältnis zu dem aus petrochemischen Grundstoffen und viel Zucker bestehendem Kaumaterial. So eine wiederkäuende Kuh, die schmatzend mit den Schneidezähnen und offenem Mund kaut und gleichzeitig mit einem reden will, ist wahrhaftig kein allzu schöner Anblick. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeilen vor vier oder fünf Jahren, als die Tochter des türkischen Ministerpräsidenten, Sümeyye Erdoğan, in der ersten Reihe eines Theaterhauses saß und ungeniert Kaugummi kaute sowie Kaugummiblasen blies und knallen ließ. Das finde ich allerdings auch respektlos, und ich freue mich, dass einer der Schauspieler Zivilcourage zeigte, das Theaterstück zum Stillstand brachte und Madame Erdogan direkt ansprach, sie solle das Kaugummi aus dem Mund nehmen. Madame aber verteidigte sich mit den Worten: ,,Niemand in diesem Jahrhundert kann ernsthaft der Meinung sein, dass Kaugummikauen im Theater eine Respektlosigkeit gegenüber dem Schauspieler ist! Ich empfehle denjenigen, die das behaupten, ein bisschen in der Welt herumzukommen.” Chappies
Nun, liebe Leser, ich habe mich so ein klein wenig umgeschaut und musste erfahren, dass es überall gewisse Normen gibt. Die mögen von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein, aber sie sind meist dazu da, das Zusammenleben zu erleichtern. Obwohl das Kaugummi-Kauen fester Bestandteil der menschlichen Evolutionsgeschichte ist und schon in der Steinzeit auf Baumharz-Gummi gekaut wurde, geziemt es sich in unserer zivilisierten Welt ganz einfach nicht, in gewissen Situationen ein Bubble Gum im Mund hin und herzuschieben.
Ich denke aber gerne an die kindliche Freude zurück, wenn man am Taschengeld-Tag beim Potschie mal wieder eine Tüte voll Chappies in der Hand hielt. Chappies bedeuteten entspannender und gleichzeitig anregender Genuss. Inzwischen weiss ich, dass es dafür eine wissenschaftliche Erklärung gibt. Die anregende Wirkung des Kaugummis entsteht durch die Arbeit der Kaumuskulatur, die den Herzschlag erhöht, die Blutversorgung des Kopfes und damit die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessert. Zusätzlich wird das Gehirn durch die Reizung des dicht mit Nerven durchzogenen Mundraums angeregt. Dass Chewing Gum dadurch die Konzentrationsfähigkeit stei-gert, hat Professor Hollingworth von der Columbia University bereits 1939 heraus-gefunden. Deshalb versorgten die USA ihre Soldaten im II. Weltkrieg so reichlich mit Kaugummi, dass der Stoff in der Heimat knapp wurde.
Ob es auch eine gelehrte Erklärung für die Entspannung beim Kaugummikauen gibt, weiss ich nicht. Aber schauen Sie sich einfach einen Wiederkäuer ein Weilchen an. Da wird man doch allein beim Anblick schon ganz transusig und schläfrig, oder?
Eigentlich ist Bubble Gum gar nicht so schlecht. Eine Studie der renommierten Mayo-Klinik in den Vereinigten Staaten stellte fest, dass durch das Kaugummi-Kauen die Stoffwechselrate um etwa 20% erhört wird. Also, jeder der überschüssiges Fett mit sich herumträgt, kann etwa elf Kilokalorien pro Stunde „wegkauen“.
Auch sind die meisten Kaugummis mittlerweile zuckerfrei und somit optimal geeignet, um die Zähne zu reinigen.
Die Besatzung eines lenkbaren Luftschiffes der britischen Luftwaffe kaute auf einer Atlantiküberquerung 1919 in sehr kurzer Zeit mehrere Päckchen Kaugummi durch, um mit der Masse ein Leck zu kitten.
Ich muss meine anfängliche Meinung revidieren. Von ein paar gewöhnungsbedürftigen, zweibeinigen Wiederkäuern einmal abgesehen, sind Kaugummis wrachtach nicht zu verachten.
Das jedenfalls meint Ihre
Susann Kinghorn

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