Locker vom Hocker: Unser Lebenstempo

Liebe Küstenleser!

In welchem Tempo wir leben, ist nicht nur eine Sache des Zeitmanagements, sondern auch eine individuelle Entscheidung, die von Faktoren abhängt wie zum Beispiel, wo wir leben, wie wir uns fühlen, wie viel Energie wir haben, wie unsere Persönlichkeit strukturiert ist, wie sehr wir im Einklang mit uns sind und wie sinnerfüllt das Leben für uns ist.
Der südafrikanische Milliardär Christoffel Wiese, der das Einzelhandelsunternehmen Shoprite leitet, oder der US-amerikanische Multi-Milliardär Warren Buffett dürften wahrscheinlich wie ein Gepard auf Jagd durchs Leben rasen, und man darf annehmen, dass das Gejage zu ihrer Persönlichkeit passt. Der Tagesablauf und das Lebenstempo eines buddhistischen Mönches, der/das von Meditation, Gebeten und Studien der buddhistischen Schriften bestimmt wird, ist wohl vergleichsweise eher mit der Schnecke zu vergleichen. Auch hier darf man annehmen, dass das asketische Leben im und ums Kloster freiwillig gewählt wurde. Stress
Tatsache ist, dass die Zeit sich für uns Menschen nicht geändert hat, da wir sie nach einer Uhr messen. Eine Minute hat weiterhin 60 Sekunden, eine Stunde noch immer 60 Minuten. Wir gehen halt nur unterschiedlich mit ihr um. Und das Phänomen faszinierte Robert Levine so sehr, dass er es als Professor der Sozialen Psychologie an der State University California 30 Jahre lang erforschte. Er wollte wissen, warum gewisse Menschen immer gestresst und hektisch wirkten, während andere sich gerne beurlauben ließen und eine ruhige Kugel schoben, warum manche wenig und andere viel Zeit zu haben schienen.
Levine bereiste mit einem Team von Wissenschaftlern mehrere Großstädte in 31 verschiedenen Ländern, um herauszufinden, wo es rasant und wo gemütlich zuging. Zunächst erfassten die Forscher die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit von mindestens 35 zufällig ausgewählten Fußgängern über 20 Meter. Zweitens analysierten sie die Schnelligkeit am Arbeitsplatz. Und drittens notierten sie die Genauigkeit von 15 willkürlich ausgewählten Uhren an Bankgebäuden und verglichen sie mit der Zeitansage. Das Ergebnis ergab eine Rangliste der fünf schnellsten Länder (Schweiz, Irland, Deutschland, Japan, Italien) und der fünf langsamsten Länder (Syrien, El Salvador, Brasilien, Indonesien, Mexiko). Ich nehme mal an, dass Afrika bei der Untersuchung nicht bereist wurde!
Fazit: Das Lebenstempo ist dort am schnellsten, wo eine auf Individualismus ausgerichtete Kultur vorherrscht, die Wert auf Leistung legt, wo die Wirtschaft funktioniert, die Einwohnerzahl hoch und das Klima kühl ist. Und umgekehrt! Schneckentempo
Es ist schon eine eigenartige Sache mit der Zeit, die uns zur Verfügung steht. Im Grunde genommen haben wir heute mehr Zeit, denn die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen Jahrtausenden verdreifacht. Elektronische Geräte wie Wasch- oder Spülmaschinen, Computer, Smartphones usw. nehmen uns viele Aufgaben ab. Autos und Züge fahren schneller, und wir ,,jetsetten” mit Flugzeuge von einem Winkel der Erde zum nächsten. Dennoch sind viele Menschen in Eile. Eine Umfrage, die Levine und seine Mitarbeiter unter Großstadtmenschen führten, ergab, dass die meisten meinen, zu wenig Zeit für die wirklich wichtigen Dinge in ihrem Leben, wie Freunde, Partner oder Hobbys zu haben.
Levine stellte übrigens auch ganz subjektiv fest, dass ihm Menschen, die gemächlich durchs Leben schritten, wesentlich sympathischer waren als die aufgeputschten Wirbelwinde, die selten zum Stillstand kamen. Deshalb entschloss er sich, weniger stürmisch dem Geld nachzujagen und einen gelasseneren Lebensrythmus anzustreben, um mehr Zeit haben zu können.
Levine, du bist mein Mann. Ich bin auch nicht gerade ein Freund von Menschen, die mit Lichtgeschwindigkeit durch die Welt pesen, und ich like, genau wie du, das ruhige Dasein in getschilltem Schput mit stief Zeit.
Deine/Ihre
Susann Kinghorn, die gerade bei Ostwindstimmung vor sich hindöst

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